Blumenkinder

 

Ausgeschlafen lachte die Sonne über das Land. Tiere und Pflanzen erwachten vom Schlaf der Nacht und sahen einem neuen Tag, entgegen fröhlich entgegen. Glöckchen öffnete die Augen und blinzelte ins Sonnenlicht. „Was würde der neue Tag wohl heute bringen?“ Da kam auch schon Herr Siebenpunkt angeflogen und ließ sich auf einem Kleeblatt in ihrer Nähe nieder: Hallo Glöckchen,“, begann er das Gespräch, „hast du schon gehört, das im Wald, bei dem dicken Fliegenpilz, eine Hexe wohnt?“ „Eine Hexe?“, vergewisserte sich Glöckchen voll Entsetzen. „Das kann doch gar nicht sein. Bei uns ist doch alles so schön und friedlich. Jeder ist des anderen Freund!“ „Das ist es ja gerade“, summte Siebenpunkt aufgeregt. „Der Rabe verbreitet gerade im Wald die Botschaft. Die Hexe von weit her zu uns gekommen, um hier ihr Unheil anzurichten.“ „Was können wir da nur tun?“ Glöckchen überlegte. Dann rief sie ihre Freunde: „Lissy, Goldköpfchen!! Kommt mal her, ich habe etwas Wichtiges mit euch zu besprechen!“ Gleich kamen beide Käfer angeflogen und ließen sich auf Glöckchens Blütenkelch nieder. „Was gibt es?“, rief Goldköpfchen schon von weitem und schaute sehr nachdenklich. Nicht oft rief Glöckchen so aufgeregt nach ihren Freundinnen. Auch Lissy war gleich zu Stelle um ihrer Freundin beizustehen. Glöckchen berichtete nun den beiden was sie soeben von Siebenpunkt vernommen hatte. „Das wäre ja furchtbar“, meinte Lissy, „da müssen wir gleich unsere Freunde fragen, wenn sie nachher vorbeikommen.“ So wurde es gemacht.

Als Meister Reinecke seinen Morgenspaziergang durch die Wiesen unternahm, sprach Glöckchen ihn sogleich an. „Hallo Rotfuchs, du weißt doch immer alles als Erster. Hast du schon davon gehört, daß sich bei euch im Wald eine Hexe niedergelassen hat?“  „Das kann ja dann nur im Tannenwald sein, dort wo er am dichtesten ist“, sinnierte nachdenklich der Meister Reinicke. „Ich werde mich umhören und sobald ich etwas weiß, sage ich dir Bescheid.“ Der Fuchs schlich sich von dannen, nun hatte er eine Aufgabe und die nahm er sehr ernst. Er war stolz darauf, wenn er um Hilfe gebeten wurde. Von weitem sah er schon Meister Lampe des Weges kommen „Halt, Vater Lampe, nicht fortlaufen, ich will dir nichts tun, ich möchte nur mit dir reden.“ „Hallo Herr Fuchs, heute so friedlich, was gibt es denn so Wichtiges?“ Der Hase näherte sich dem Fuchs, jedoch nur bis zu einer gewissen Entfernung, denn er wagte sich nicht, ihm so richtig zu trauen. „Hast du schon davon gehört, daß in unserem Wald eine Hexe wohnt? Glöckchen hat es mir erzählt.“ „Nein bis jetzt habe ich davon noch nicht gehört, aber ich werde die Löffel offenhalten. Danke für die Warnung.“

Meister Reinecke hatte sich fest vorgenommen sich den Tannenwald etwas genauer anzusehen Doch bereits bevor er den Wald betreten konnte, wurde er schon von der Seite her angezischt. „Was willst du denn hier, so außerhalb von deinem Revier?“ zischelte die Schlange. „Na, alte Natter, dich hier zu sehen bedeutet doch sicher nichts Gutes?“, ging Gevatter Fuchs auf die Anrede ein. „Schau, schau, der listige und schlaue Fuchs! Ja, du hast recht ich schiebe hier Wache, damit sich keiner meiner neuen Herrin nähert.“ „Deiner neuen Herrin?“, stellte sich der Fuchs dumm. „Wer ist denn deine neue Herrin?“ „Das möchtest du gerne wissen, stimmt’s? Du platzt ja fast vor Neugierde“, zischte die Schlange. „Ob du es mir nun sagst oder nicht“, grinste der Fuchs. „Ich weiß es auch so. Wenn einer so falsch ist wie du, kann er nur einer Hexe dienen.“ „Wie kommst du darauf, Xenia ist erst ein paar Tage in unserem Wald und ich habe wirklich aufgepaßt, daß es keiner merkt.“ „Du hast die Vögel und Käfer vergessen, auf die kannst du nicht aufpassen, sie können fliegen.“ „Xenia ist sowieso viel stärker als ihr alle zusammen. Bald müßt ihr alle, ihr dienen.“ „Na dann bestell mal Xenia einen schönen Gruß“, meinte der Fuchs, „und sage ihr, ich denke gar nicht daran ihr zu dienen.“ „Das Lachen wird dir schon noch vergehen“, zischte die Schlange böse und schlängelte sich davon. Der Fuchs lief zurück und gab Frau Eule den Auftrag, zu verkünden, daß sich bei Sonnenuntergang alle Tiere auf der Wiese versammeln sollten.

Während dessen war die Schlange zu ihrer Gebieterin zurückgeschlichen, um ihr die Neuigkeit zu melden. „Warte noch ein Weilchen, ich bin gerade wieder ein Stück weitergekommen, bald habe ich den Trank fertig. Dann sind wir die Sieger über Wald und Feld“, meinte böse die Hexe. „Oh ja endlich! Dann müssen mir alle zu Willen sein“, zischte freudig die Schlange. „Wie willst du den Tieren denn deinen Trunk zuführen?“, fragte lauernd die Schlange. „Ich werde alle Flüsse, Seen und Pfützen im Umkreis damit tränken, und trinken müssen die Tiere. Keiner wird etwas merken.“ „Du bist schlau wie immer“, schmeichelte die Schlange ihrer Herrin.

Mittlerweile schickte die Sonne sich an, hinter den Wolken zu verschwinden. Die Tiere des Waldes hatten sich auf der Wiese versammelt. Alle warteten gespannt auf das Erscheinen des Fuchses. Da bog er auch schon um die Waldecke. „Siebenpunkt hatte Recht“, begann der Fuchs seine Rede. „Ich war heute beim Waldrand, dort hält die Natter Wache, sie hat sich mit der Hexe verbündet.“ „Das paßt zu ihr“, rief der Igel dazwischen. „Sie hatte immer versucht einen Keil zu treiben“, setzte der Maulwurf hinzu, der in die untergehende Sonne blinzelte. „Und was machen wir nun?“, fragte der Hamster. Er hatte sich etwas verspätet und kam mit seiner letzten Garbe heim. Die Tiere unterbreiteten verschiedene Vorschläge. Die Hummel wollte die Sache von oben beobachten. Die Ameisen setzten sich für eine Beobachtung auf dem Erdboden ein. Aber Keiner glaubte so recht an einen Erfolg. Als die Tiere sogar über einen Weggang aus ihrem Heimatwald nachdachten, fragte Glöckchen: „Haben wir nicht früher immer zusammengehalten? Was soll denn aus uns Blumen werden, wenn ihr alle fortgeht?“ „Genau, genau“, flüsterten auch jetzt die anderen Blumen. „Was sollen wir nur tun?“ „Wo gibt’s denn hier Probleme? Kann ich vielleicht helfen?“. tönte plötzlich über ihnen ein leises Stimmchen. Alle Tiere und Pflanzen blickten nach oben und sahen über sich eine kleine Blumenfee, die gerade ihren Abendtanz über der Wiese vollführte. „Ja, du mußt uns helfen“, rief auch sogleich Goldköpfchen. „Was sollen wir denn nur tun, wenn die Tiere fortgehen?“ „Nun mal langsam“, begann jetzt die kleine Elfe. „Natürlich helfe ich euch und ich bin wohl auch die Einzige, die das kann.“ „Wieso?“ erkundigte sich jetzt Siebenpunkt. „Das kann ich dir sagen“, antwortete die Elfe „Meine Blumenkinder sind am meisten durch die Hexe gefährdet. Sie können nicht fortlaufen, wie die Tiere es könnten.“ „Aber wie willst du helfen“, wollte jetzt ein Falter wissen, der bei seinem Abendflug vorbeikam. „Ich kenne einen Zauberspruch“, sprach die Elfe. „Dieser Zauberspruch setzt alle Künste der Hexe außer Kraft. Ich muß nur schnell sein und die Hexe erreichen, bevor sie Ihren Trank in Seen und Flüssen verteilt.“ „Dann beeile dich, bitte!“, baten jetzt alle wie aus einem Mund. Sofort flog die kleine Elfe los.

„Jetzt habe ich alles bereit, wir warten nur noch bis es richtig dunkel ist“, sprach böse grinsend die Hexe, zu ihrer Begleiterin, der Schlange. „Das hast du gutgemacht! Oh wie freue ich mich schon auf den morgigen Tag, wenn alle zur Tränke gehen! Noch nie habe ich einen Sonnenaufgang so herbeigesehnt“, zischte die Schlange. „Da habt ihr euch wohl verrechnet“, klang plötzlich eine Stimme von oben. Die kleine Fee kam herbeigeflogen, zückte ihren Zauberstab und verstreute ihren Zaubersand. „Meine lieben Blumenkinder und die Tiere zu beherrschen und zu quälen, das war euer Wunsch. Zum Glück bin ich noch rechtzeitig dahergekommen.“ „Du hast mir schon einmal ins Handwerk gepfuscht“, schnaufte böse die Hexe. „Ja, hier ist deine Macht zu Ende, mach das du fortkommst“, rief die kleine Fee und flog zurück auf die Wiese, um Tieren und Pflanzen die frohe Botschaft zu bringen. Wieder einmal hatte sie die Hexe besiegt. Alle freuten sich riesig und gingen beruhigt schlafen. Kleine Elfen vollführten einen Siegestanz, im Mondlicht. Die Hexe schlich sich so heimlich davon wie sie gekommen war, um im nächsten Wald ihre Künste auszuprobieren. (c) Christina Telker