Bei den Wichteln

 

Tief im Wald, wo die Schonung am dichtesten ist und kaum jemals ein Sonnenstrahl hinfällt, gibt es ein Reich, das bisher noch nie ein Mensch gesehen hat. Dort beginnt das Land der Wichtel. Sie sind friedliche und fleißige keine Wesen, nur haben sie mit den Menschen in früherer Zeit schlechte Erfahrung gemacht und sich deshalb zurückgezogen. Seitdem leben sie tief im Wald, froh und ungestört, freuen sich an den Tieren des Waldes und am Gesang der Vögel. Eines Tages jedoch geschah etwas, daß ihr Leben in Aufregung versetzte.

Wie schon so oft spielte Gerd mit seiner kleinen Schwester, der Bärbel, im Walde. Gerne waren die beiden hiergewesen, fühlten sie sich doch in ihrem Walde wie zu Hause. Gerade hatten sie auf der Lichtung, wo die schönsten Butterblumen standen, eine Pause eingelegt, als Bärbel eindringlich bat: „Bitte, Gerd, sieh die schönen Blumen, flechte mir einen Kranz!“ Da Gerd seiner kleinen Schwester nichts abschlagen konnte gab er nach. „Du suchst aber die Blumen, einverstanden?“, forderte er sie auf. „Mach ich, mach ich“, jubelte Bärbel. So ließ sich Gerd auf der Lichtung nieder und Bärbel flog wie ein kleiner Falter von Blüte zu Blüte, um sie einzusammeln für ihren Kranz. Kaum hatte sie eine gepflückt, sah sie schon ein Ende weiter eine noch Schönere und rannte dieser entgegen. Schon nach kurzer Zeit legte sie Gerd einen Arm voll Blüten in den Schoß. Schon war sie wieder fort um weiterte Blumen zu pflücken. Gerd vertiefte sich auch sogleich in seine Aufgabe und sah weder rechts noch links. So merkte er auch nicht, daß Gerda schon seit geraumer Zeit nicht mehr zu sehen war.

Bärbel war immer den Blumen gefolgt und hatte sich mehr und mehr von der Lichtung entfernt. Selbst am Rande der Waldwiese hielt sie nicht an. Sie dachte, „vielleicht blühen hinter dem Dickicht noch schönere Blumen.“ Als sie jedoch nicht eine mehr fand, weil die Schonung so dicht war, daß kein Sonnenstrahl mehr hindurch drang, sah sich Bärbel um und wollte zu Gerd laufen und ihm die gesammelten Blumen zu bringen. Nur fand sie keinen Weg mehr! Wie sie sich auch drehte, überall sah der Wald gleich aus. „Dann gehe ich einfach zurück“, dachte Bärbel. Da sie sich jedoch bei der Suche nach dem Weg mehrmals gedreht hatte, führte sie der vermeintliche Rückweg immer weiter in den Wald hinein.

In der Zwischenzeit war Gerd mit dem Blütenkranz längst fertig geworden und suchte nun seine kleine Schwester, um ihn ihr aufzusetzen. Aber wie er auch rief und suchte, von Bärbel war weder etwas zu sehen, noch hörte er ihr lustiges Plapperstimmchen irgendwo. Nun lief Gerd im Eiltempo nach Hause, um den Eltern die traurige Nachricht zu bringen. Gemeinsam suchten sie bis zum späten Abend ohne Bärbel zu finden.

Diese war inzwischen auf eine märchenhaft schöne Wiese gekommen. Die Blumen blühten hier in den schönsten Farben, schon wollte Bärbel sich bücken, um einige dieser prächtigen Blüten für ihren Kranz mitzunehmen, als die Blumen plötzlich sprachen:

„Bärbelein, hübsch und fein

zaus mir nicht mein Kleidelein.

Hier auf meinem Stängelein

Möcht ich mich der Welt erfreun.“

Was war das? Bärbel ließ sofort die Blüte los und rief: „Gerd, Gerd komm einmal her, das mußt du sehen!“ Als dieser nicht antwortete, begann Bärbel ihren Bruder zu suchen. Bisher hatte sie nicht gemerkt, daß sie sich auf einer anderen Wiese längst ganz alleine war. Dicke Tränen rannen über ihr Gesicht, als sie es merkte. Laut schluchzte sie vor sich hin.

„Pit hörst du das? Wer ist das?“ stieß Plum seinen Kameraden an. Beide Wichtel machten sich auf die Suche nach diesem seltsamen Geräusch. Plötzlich sahen sie Bärbel mitten auf ihrer Lichtung stehen. „Ein Mensch!!“, rief Plum aus. Wie konnte nur ein Mensch hierher finden?“ „Das hat uns gerade noch gefehlt!“, gab Pit zurück. Eilig liefen sie zum Wichtelkönig und erstatteten Meldung. „Das muß ich mir selbst ansehen“, meinte dieser und folgte Beiden zur Waldwiese. „Oh, ein kleines Mädchen“, rief er, als er Bärbel erblickte, „da sie alleine ist, müssen wir ihr helfen.“ „Aber dann sieht sie uns doch, und Menschen dürfen uns nicht sehen!“ Plum war total aufgeregt. „Wir beobachten sie und warten die Nacht ab“, ordnete der Wichtelkönig an. „Plum, du holst ihr das Beste von unseren Vorräten und legst es der Kleinen unter den Baum. Sei vorsichtig, daß sie dich nicht entdeckt. In der Nacht, wenn sie schläft schaffen wir sie aus unserem Reich.“

Gesagt, getan. Wie freute sich Bärbel als sie die Leckerbissen unter dem Baum fand. Honigkuchen, Himbeermost und manch andere Köstlichkeiten ließen das Herz des kleinen Mädchens höher schlagen. Als sie sich gesättigt hatte, wurde sie so müde, daß sie auf der Stelle einschlief und von den schönsten Blumen träumte. Die Wichtel hielten Wache über dem schlafenden Kind. Sobald der Mond aufging luden sie die Kleine auf ihren Karren und schoben sie behutsam auf die Waldlichtung, wo sie tags zuvor die Blumen für ihren Kranz gepflückt hatte.

Als am Morgen die Sonne aufging erwachte Bärbel und sah sich erstaunt um, stellte sie doch fest, nicht in ihrem Bett zu liegen wie gewohnt. In diesem Moment kamen die Eltern mit Gerd angelaufen, die bis zum frühen Morgen auf der Suche nach Bärbel waren. „Wo warst du nur?“, rief Gerd erfreut, endlich seine Schwester gefunden zu haben. „Ich habe gerufen und alles abgesucht, du warst nicht zu finden!“ „Ich hab so schön geträumt“, antwortete Bärbel, die an die Leckereien dachte und die zauberhafte Blumenwiese.

„Dann können wir jetzt wohl nach Hause gehen“, lachten die Eltern, froh darüber, daß sie ihre Tochter wiedergefunden hatten. (c) Christina Telker