Überall duftete es schon nach Pfefferkuchen wenn Paula mit der Mutti durch den Supermarkt ging, aber so richtig anziehend fand es Paula nicht. Schon so lange lagen sie in den Regalen und Weihnachten war immer noch nicht. ‚So lange warten machte keinen Spaß’ dachte das Mädchen. In zwei Wochen ist der erste Advent, hatte Mutti gesagt. An diesem Tag fuhren sie immer zur Oma Kaffeetrinken. „Mutti, darf ich  vor dem ersten Advent noch mal zu Oma?“ frug Paula jetzt. „Ja, wenn du gerne möchtest“ lächelte Mutti „kannst du am kommenden Samstag zu Oma fahren. Ich muss leider arbeiten.“ „Juhu!“ freute sich Paula und überlegte was sie wohl mit der Oma unternehmen könnte. Sicher hatte Oma eine Idee, sie würde gleich heute Abend bei ihr anrufen.

Voller Aufregung sehnte sich Paula das Wochenende herbei. „Wenn doch die Schultage so schnell vergehen würden wie der Samstag“ träumte das Mädchen vor sich hin.

„Paula, meine Kleine, das ist aber schön, dass wir uns heute schon sehen“ wurde sie von der Oma begrüßt. Nach einer stürmischen Umarmung und dem Abschied von Mutti, kam auch gleich die übliche Frage „Was machen wir heute Oma?“ „Wir backen Plätzchen für den nächsten Sonntag, dann kannst du Mutti mit selbstgebackenen Plätzchen zum Kaffee überraschen.“ „Das ist toll“ freute sich Paula. „Erzählst du mir wieder eine Geschichte?“ „Aber selbstverständlich! Komm jetzt wollen wir erst einmal den Teig kneten, er muss dann in den Kühlschrank. In dieser Zeit erzähle ich dir bei einer Tasse Kakao wie es in meiner Kindheit war.“ Freudig ging Paula der Oma zur Hand, half die Eier zu trennen, gab die Gewürze hinzu und schlug den Eischnee steif. Der Teig war im Kühlschrank, nun konnten es sich die beiden Weihnachtsbäcker gemütlich machen. Als der Kakao in den Tassen dampfte, begann Oma zu erzählen. „In meiner Kindheit war es nicht üblich, dass Pfefferkuchen schon im September in den Regalen beim Kaufmann lagen. Supermärkte gab es noch nicht. Wir holten unsere Waren beim Kaufmann um die Ecke. Zu dem konnten wir notfalls sogar am Sonntag kommen. Seine Wohnung war gleich nebenan. Wenn dann in der Woche vor dem ersten Advent das kleine Schaufenster neu dekoriert wurde, drückten wir uns fast die Nasen an der Scheibe platt. Herrlich war es anzusehen, welch eine Traumwelt aus Zuckerzeug sich dort bot. Unsere Eltern konnten uns nicht alle Wünsche erfüllen, Süßes gab es nur in Maßen. Daheim wurden auch in der Woche vor dem ersten Advent Plätzchen gebacken. Wir waren da allerdings nicht dabei und trotzdem war es etwas ganz besonderes. Wenn wir Kinder abends im Bett waren, begab sich unsere Mutter in die Küche. Uns erzählte sie, sie würde das Christkind besuchen. So hatten wir in dieser Nacht die schönsten Träume. Wenn wir morgens erwachten, lag ein Plätzchen auf unserer Bettdecke. Aber auch das Backen war schwer, meist half mein Vater und bediente den Herd, der mit behutsamer Feuerung immer auf der gleichen Hitze gehalten werden musste, damit die  Plätzchen nicht verbrannten.“ Ach Oma! Muss das schön gewesen sein!“ rief Paula  begeistert aus. „Ich habe schon gar keine Freude mehr an Pfefferkuchen, wo sie schon so lange im Regal im Supermarkt liegen.“ „Schön finde ich das auch nicht“ gab Oma zu. Jetzt komm, wir wollen sehen was unsere Plätzchen machen. Du darfst auch die Formen aussuchen.“

Als am Abend die Mutti ihre Tochter abholen wollte, hatte diese wieder viel zu erzählen. Alle drei freuten sich schon auf das Kaffeetrinken am nächsten Sonntag.

© ChT

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