Vor vielen tausend Jahren gab es einmal vier Brüder, die immer einträchtig beieinander wohnten. Eins half dem Anderen, wenn er Hilfe brauchte, so waren diese vier unzertrennlich. Sie hießen Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Eines Tages jedoch geschah es, dass ein Riese ins Land der vier Brüder eindrang. Er stiftete Unfrieden, so gut er konnte. Endlich war es ihm gelungen, die Brüder zu entzweien. Keiner traute mehr dem anderen. So verbarg jeder seine Schätze und verschloss sie, dass sie unerreichbar waren. Der Frühling suchte sich eine Höhle, hier hielt er seine, die ersten Knospen, kleine, feine Sonnenstrahlen, Vogelsang und vieles mehr versteckt. Als er seine Schätze zusammengetragen hatte, suchte er nach einem Schlüssel für seine Schatzkammer. Denn er wollte alle seine Schätze für sich allein haben. Suchend schaute er sich um, da entdeckte er eine kleine, gelbe Blume. „Du siehst aus wie ein kleiner Schlüssel, du sollst mir zu Diensten sein“, sprach der Frühling und nahm vorsichtig das Blümlein in die Hand. Mit dem Spruch:

„Blümlein gelb,

Blümlein fein,

sollst der Schlüssel

für meine Schätze sein."

verschloss er seine Schatzhöhle.

Der Sommer versuchte mit seiner Hitze alles zu vernichten, nur damit seine Brüder keine Freude an den schönen Dingen der Natur haben konnten. Er trocknete die Seen aus, ließ die Felder und Wälder verdorren und zerstörte, was er nur konnte. Der Herbst sah traurig auf das Chaos, das sein Bruder der Sommer angerichtet hatte. Nun konnte er seine wunderschönen Farben nicht austeilen wie einst, weil alles welk und dürr war. 12 Der Winter legte eine dicke, weiße Schneedecke auf Felder und Wälder und versuchte alles ungeschehen zu machen. Aber auch das half nichts, denn als im nächsten Jahr der Frühling sein Regiment übernahm, war die Erde wüst und leer. Kein Blümlein, kein Hälmlein streckte und reckte sich durch das hart gefrorene Erdreich. Kein Vogel sang das erste Frühlingslied. Der Frühling war stolz auf seinen Streich, führte er doch jetzt die Alleinherrschaft. Doch einen hatte er vergessen, den Vogel der Nacht. Die Eule hatte im letzten Jahr das böse Werk des Frühlings beobachtet. Jetzt suchte sie in einer mondhellen Nacht nach dem Schlüssel und fand ihn auch, gut unter Moos versteckt. Nun sagte sie den Spruch des Frühlings, denn sie hatte ihn sich gemerkt:

„Blümlein gelb,

Blümlein fein,

sollst der Schlüssel

für meine Schätze sein."

Da öffnete sich die Höhle und gab all die Schätze frei. Die Erde bekam ihr grünes Kleid wieder, Frühlingsblumen sprießten auf den Wiesen und an den Hängen. Nun sah auch der Sommer ein, dass es nicht richtig war diese Pracht zu vernichten. Die vier Brüder vertrugen sich wieder und jagten den bösen Riesen aus dem Land. Das gelbe Blümchen, das als Schlüssel zur Höhle so gute Dienste geleistet 13 hatte, hieß von nun an „Schlüsselblume“. Es blüht jeden Frühling als eine der ersten Blumen und erinnert so an das Erwachen der Natur. © Christina Telker

Garten der Poesie [-cartcount]