Lange hielt sich der Nebel morgens über den Wiesen, wenn Gerd den Weg zur Schule antrat, konnte er kaum die Hand vor Augen sehen. Manchmal knackte es von den Seiten her oder ein undefinierbares Geräusch drang an sein Ohr. In solchen Momenten wurde ihm schon etwas unheimlich zumute. Eine ziemlich weite Strecke musste er jeden Morgen alleine zurückzulegen, bis er auf seine Schulkameraden traf. All das war neu für den Jungen, denn er war vor ein paar Wochen erst eingeschult worden. Bisher war die Mutter immer den Weg mit ihm gemeinsam gegangen, hatte ihn zum Kindergarten gebracht und war danach ins Büro gegangen. Jetzt war vieles anders. Der Vater arbeitete außerhalb und war nur am Wochenende daheim, die Mutter musste bereits um sieben Uhr im Büro sein. Sie stellte dem Jungen den Wecker, damit er nicht zu spät zur Schule käme. Jeden Tag wurde es etwas später hell. Die Sonne schaffte es kaum noch, die Nebelschleier zu durchdringen. Heute war es noch so finster, dass Gerd die Taschenlampe zur Hilfe nahm, um den Weg nicht zu verfehlen. Eine Straßenbeleuchtung gab es in dieser Einöde des Dorfes nicht. Das Elternhaus stand wie ein Haus auf freiem Feld. Im Sommer genoss er die Freiheit, auf Feld und Wiese herumzutollen. All das war seine Heimat, die der Junge liebte. Aber jetzt, einsam in der Dunkelheit, sah das alles ein wenig anders aus. Als er dann eines Morgens noch ein paar Lichter aus den Bäumen funkeln sah, war es um seinen Mut geschehen. Gerd rannte so schnell er nur konnte. Am Abend sagte er dann zu seiner Mutter: „Ich will nicht mehr in die Schule gehen.“ „Aber wieso willst du nicht mehr in die Schule gehen?“, erkundigte sich erstaunt die Mutter. „Du hast Freunde gefunden, das Lernen bereitet dir Freude. Was hast du, mein Junge?“ Da endlich erzählte Gerd von seinen morgendlichen Erlebnissen auf dem Schulweg. Von den Geräuschen, die ihn ängstigten, von den Lichtern im Baum. Erst war die Mutti sehr ernst und hörte zu. Als Gerd geendet hatte, lachte sie schallend. „Junge, ich wusste nicht, dass du vor der Eule Angst hast. Im Tierpark liebst du sie. Die Lichter im Baum waren ihre Augen, die bei Dunkelheit leuchten. Ruf einfach bei nächsten Mal: „Frau Eule, ich seh dich!“ Du kennst den Wald. Vati hat dir die Natur oft erklärt und eins hast du wohl vergessen, du bist nie alleine, auch nicht auf diesem Weg in der morgendlichen Dunkelheit. Gott ist immer bei dir. Jeden Abend betest du dein Nachtgebet, am Morgen stets du mit seinem Segen auf. Glaubst du, er lässt dich alleine, auf deinem Schulweg?“ Langsam bekam der Junge wieder Mut. Er konnte sich und seine Zweifel selbst nicht mehr verstehen. Als dann die Mutter noch von der veränderten Natur mit ihren vier Jahreszeiten erzählte, war er schon ganz getröstet. Im Frühling begleitet dich das Lied der Vögel auf deinem Weg. Kommt dann der Sommer, lacht schon ganz früh die Sonne vom Himmel. Im Herbst, wie jetzt, ängstigen einen manchmal die Nebelgespenster, aber daraus musst du dir nichts machen, so ist halt der November und im Winter ist es taghell, wenn der Schnee auf Bäumen und Wegen liegt. Es gibt also nichts, vor dem du dich fürchten musst. „Danke Mutti, heute kann ich viel besser einschlafen und morgen früh werde ich fröhlich zur Schule gehen. Ich bin ja gar nicht alleine. Wie konnte ich das vergessen.“ Strahlend gab er der Mutter einen Gute-Nacht-Kuss. Am nächsten Morgen rief er der Eule einen Gruß zu und versuchte noch mach anderen Bewohner des Waldes zu entdecken. Gerd freute sich jetzt sogar jeden Morgen auf diesen Weg, dieses Stück Natur, das er ganz für sich alleine hatte und manches Mal dachte er so bei sich: „Danke, Gott, dass du bei mir bist.“ © Christina Telker

 

Garten der Poesie [-cartcount]