Abendfriede

Schwebe, Mond, im tiefen Blau

Über Bergeshöhn,

Sprudle Wasser, blinke Thau . . .

 Nacht, wie bist du schön!

Spiegle, See, den reinen Strahl;

Friede athmend lind

 Durch das wiesenhelle Thal Walle,

 weicher Wind!

 Wie durch einen Zauberschlag

Bin ich umgestimmt

Von Gedanken, die der Tag

Bringt und wieder nimmt.

 Dass es auch ein Sterben gibt,

 Fühl' ich ohne Schmerz,

 Was ich liebe, was mich liebt,

Geht mir still durchs Herz.

*

Was kleidet die Wiesen,

 was schmücket die Wälder,

 Was sprenget die Fesseln

 dem keuchenden Bach?

Was führet die Thiere

zurück in die Felder

Und wehet den Klang

 aller Lieder wach?

Es ist der Frühling,

 es ist die Sonne,

 Drum freue sich laut ein jegliches Herz,

Und in der großen unsterblichen Wonne

Verstumme der eitle, der menschliche Schmerz!

Wellenschäume,

Wolkensäume,

Wünsche, Träume,

 Im Entfalten,

Im Zerfließen festgehalten;

Manch Erlebtes

 Längst Entschwebtes,

 Mit Gestalten

Leicht Verwebtes,

 Wie sie kommen,

wie sie fliehn –

 Launekinder, Phantasien,

Bilder im Vorüberziehn,

Liebespoesien!

An ihn von ihr

Mit Muth hab ichs ertragen,

Und habe kaum geweint –

 In gut und bösen Tagen

Warst du mein bester Freund!

Nun soll ich dich vermissen

, Du bist von mir so fern –

 In allen Kümmernissen

Warst du mein treuer Stern!

 

Du bist hinweg gegangen

 Wohl übers weite Meer –

 Doch kenn ich dein Verlangen,

 Es zieht zu uns dich her!

O hätt ich, Freund, dich wieder,

An meiner Hand und Brust –

Ich sänge Freudenlieder,

 Wie ich sie nie gewußt!

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