„Oh wie schade, dass die Ferien bald vorbei sind“, Paula schlingt die Arme um Muttis Hals und gibt ihr einen Gutenachtkuss. „Sicher wird dir Gundel bald schreiben, ihr habt euch doch so gut verstanden“, tröstete die Mutti. Vor ein paar Tagen waren sie aus dem Urlaub gekommen, in dem Paula eine liebe Freundin kennenlernte. „Was hältst du davon, noch ein paar Tage zur Oma zu fahren bevor die Schule beginnt?“, fragt nun die Mutter. Sie wusste, wie gerne ihr kleines Mädchen bei der Großmutter war. „Mutti, das ist ja toll!“, rief Paula begeistert aus. „Gleich morgen?“, setzte sie schnell die wichtigste Frage hinterher. „Meinetwegen gleich morgen! Aber jetzt wird geschlafen. Ich werde deine Tasche packen und mit Oma telefonieren, um dich anzukündigen.“

Schon früh war Paula am nächsten Morgen wach, zog sie doch die Sehnsucht zur Großmutter. Schnell schlüpfte sie noch für ein paar Minuten zur Mutti ins Bett und kuschelte sich an sie. Dann standen beide auf, frühstückten in Ruhe, bevor sie sich auf den Weg machten.

Große Freude herrschte auch bei der Großmutter in Erwartung ihrer Enkelin, für die sie sich wieder etwas Besonderes vorgenommen hatte. Zuerst einmal wurde Paula jedoch stürmisch begrüßt und nach ihren Ferienerlebnissen gefragt. „Vier Tage bleibe ich bei dir“, strahlt das Mädchen seine Großmutter an. „Mama holt mich Samstag wieder ab, weil Montag die Schule beginnt.“ „Da bist du sicher schon mächtig aufgeregt, nun kommst du schon in die dritte Klasse“, antwortete die Großmutter. Als die Beiden dann endlich alleine sind, kommt auch gleich Paulas übliche Frage: „Oma, was machen wir diesmal?“ „Was hältst du davon, wenn wir Mama mit selbst gekochter Marmelade überraschen“, schlug Oma vor. „Marmelade? Die kauft man doch im Supermarkt“, kam es etwas enttäuscht von Laura. „Das ist ja langweilig, alles fertig zu kaufen. Selber machen ist viel interessanter“, lockte Oma. „Wenn du meinst…, dann musst du mir aber auch wieder eine deiner Geschichten erzählen, aus deiner Kindheit.“ „Aber gerne doch, meine Kleine“. „Welche Marmelade kochen wir?“. jetzt setzte Paulas Eifer ein. „Wir kochen Pflaumenmus. Jetzt im Herbst gibt es viel Pflaumen. Frau Müller, meine Nachbarin, hat mir angeboten, in ihrem Garten Pflaumen zu pflücken“, erzählte Oma.

Am nächsten Morgen fuhren beide in den Garten. Alleine das war ein großartiges Erlebnis für Paula. „Darf ich eine Möhre essen?“, fragte Paula Frau Müller. „Gerne Paula, du darfst alles essen, was du im Garten findest, aber erst in der Tonne abwaschen. In der Tonne ist Regenwasser, ich sammle es immer zum Kopfwaschen, weil es besonders gesund für die Haare ist. Hier ist ein Schöpftopf, mit dem kannst du der Tonne Wasser entnehmen.“ Mit Begeisterung entdeckte Paula den Garten, lief den letzten Schmetterlingen hinterher, ließ einen Marienkäfer auf der Hand krabbeln und sammelte zur Erinnerung an den Tag leere Schneckenhäuser.

„Na mein Mädchen, hast du ausgeschlafen?“, begrüßte die Oma am nächsten Morgen ihre Enkelin. „Nach dem Frühstück werden wir die Pflaumen, die wir gestern mitbrachten, entsteinen. Du kannst mir dabei helfen. Danach müssen wir sie klein schneiden.“ Nun saß Paula mit ihrer Großmutter am Küchentisch eine große Schüssel voll Pflaumen vor sich. Beide waren eifrig in die Arbeit vertieft, als Oma mit ihrer Erzählung begann „In meiner Kindheit wurde fast alles, was im Winter in der Küche gebraucht wurde, zuvor im Sommer eingekocht. Ob es Marmelade, Obst zum Nachtisch oder Gemüse für die Beilage des Mittags war. Das machte viel Arbeit, den ganzen Sommer über mussten wir damit rechnen, dass uns Mutters Ruf erreichte, „Kinder kommt, wir wollen Gemüse putzen“. Oftmals hatten wir keine Lust, unser Spiel zu unterbrechen. Wenn Mutter rief, kamen wir aber sofort, wenn auch nicht immer mit einem Lächeln. Hieß es jedoch, „Morgen wird Pflaumenmus gekocht“, war die Freude jedes Mal groß. Es war ein besonderes Ereignis. Zum Pflaumenmus kochen traf sich das ganze Haus. Wir waren vier Familien, alle Mütter und Kinder saßen auf dem Hof und entsteinten Pflaumen. Dabei wurde viel gesungen, erzählt und gelacht. Es wurden mehrere Wassereimer Pflaumen vorbereitet, um danach in einem großen Kessel in der Waschküche Mus daraus zu kochen. Stundenlang standen unsere Mütter abwechselnd am Kessel, da das Mus ständig gerührt werden musste. War es dann endlich fertig und wir hatten es, noch warm, auf der Stulle, war es für uns das Beste, was es überhaupt gab.“ „Da wäre ich auch gerne dabei gewesen“, meinte Laura traumverloren. „Schau, wir sind schon fertig. Jetzt müssen wir nur noch das Mus kochen, aber auch das geht heute ganz einfach, haben wir doch einen elektrischen Herd und müssen nicht wie damals den großen Kessel heißen.“ Oma gab die Pflaumen auf das große Kuchenblech, schob es in die Backröhre und stellte den Herd an. Nach ein paar Stunden standen mehrere Gläser Pflaumenmus auf dem Küchentisch. Paula hatte in der Zwischenzeit die Etiketten für die Gläser angefertigt.

„Das war heute wieder ein besonders schöner Tag“, sagte sie als Oma ihr den Gutenachtkuss gab, „du bist halt doch die beste Oma der Welt!“ „Und du hast gelernt, dass wir nicht alles im Supermarkt kaufen müssen, sondern die Gaben verwerten können, die uns Gott schenkt.“ Gemeinsam sprachen sie das Nachtgebet.

© Christina Telker

 

 

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