Die weiße Weihnachtsrose
Wenn über Wege tief beschneit,
Der Schlitten lustig rennt,
Im Spätjahr in der Dämmerzeit
Die Wochen im Advent,
Wenn aus dem Schnee das junge Reh
Sich Kräuter sucht und Moose:
Blüht unverdorrt im Frost noch fort
Die weiße Weihnachtsrose.
Kein Blümchen sonst auf weiter Flur;
In ihrem Dornenkleid
Nur sie, die niedre Distel nur
Trotzt allem Winterleid;
Das macht, sie will erwarten still,
Bis sich die Sonne wendet,
Damit sie weiß, daß Schnee und Eis
Auch diesmal wieder endet.
Doch ist’s geschehn, nimmt fühlbar kaum
Der Nächte Dunkel ab,
Dann sinkt mit einem Hoffnungstraum
Auch sie zurück in‘s Grab.
Nun schläft sie gern; sie hat von fern
Des Frühlings Gruß vernommen,
Und o wie bald wird glanzumwallt
Er sie zu wecken kommen!
Hermann von Lingg (1820-1905)
Der Schneemann
Steh, Schneemann, steh!
Und bist du auch von Schnee,
So bist du doch ein ganzer Mann,
Hast Kopf und Leib und Arme dran,
Und hast ein Kleid, so weiß und rein,
Kein Seidenzeug kann weißer sein:
Du stehst so stolz und fest und breit
Als wär' es für die Ewigkeit.
Steh, Schneemann, steh!
Wenn ich dich recht beseh':
So fehlt dir nichts auf weiter Welt
Du hungerst nicht, sorgst nicht um Geld.
Ich glaub' auch, dass dich gar nichts rührt,
Und wenn es Stein und Beine friert;
Der Frost, der andre klappern lässt,
Der macht dich erst recht hart und fest.
Steh, Schneemann, steh!
Die Sonne kommt, Juchhe!
Jetzt wirst du erst recht lustig sein!
Was ist denn das? Was fällt dir ein?
Du leckst und triefst ohn' Unterlass,
o Schneemann, Schneemann, was ist das?
Das schöne warme Sonnenlicht,
Der Menschen Lust erträgst du nicht?
Weh, Schneemann, weh!
Du bist doch nichts als Schnee!
Dein Kopf war dick, doch nichts darin,
Dein Leib war groß, kein Herz darin,
Und das, was andre fröhlich macht,
Hat dir, du Wicht, nur Leid gebracht.
Ich glaub', ich glaub', manch Menschenkind
Ist grade so wie du gesinnt:
Schnee, nichts als Schnee!
Robert Reinick
(1805-1852)
Weihnachten
Mir ist das Herz so froh erschrocken,
das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fern her Kirchenglocken
mich lieblich heimatlich verlocken
in märchenstille Herrlichkeit.
Ein frommer Zauber hält mich wieder,
anbetend, staunend muß ich stehn;
es sinkt auf meine Augenlider
ein goldner Kindertraum hernieder,
ich fühl's, ein Wunder ist geschehn.
Theodor Storm (1817 - 1888)
Frau Holle
Schneeflocken wirbeln um und um,
im Garten blüht die Weihnachtsblum',
Frau Holle fährt im Land herum –
Schnurre, Rädchen, schnurre!
Der Mond blickt aus dem Wolkengraus,
weist ihr den Weg zu jedem Haus,
daß sie die flinksten findet aus –
schnurre, Rädchen, schnurre!
Gewahrt sie wo noch einen Schein,
Frau Holle hält und schaut hinein;
Die munter drehn, belohnt sie fein –
Schnurre, Rädchen, schnurre!
Martin Greif (1839.1911)
Geschichte eines Pfefferkuchenmannes
Es war einmal ein Pfefferkuchenmann,
von Wuchs groß und mächtig,
und was seinen innern Wert betraf,
so sagte der Bäcker: »Prächtig«.
Auf dieses glänzende Zeugnis hin
erstand ihn der Onkel Heller
und stellte ihn seinem Patenkind,
dem Fritz, auf den Weihnachtsteller
.
Doch kaum war mit dem Pfefferkuchenmann
der Fritz ins Gespräch gekommen,
da hatte er schon – aus Höflichkeit –
die Mütze ihm abgenommen.
Als schlafen ging der Pfefferkuchenmann,
da bog er sich krumm vor Schmerze:
an der linken Seite fehlte fast ganz
sein stolzes Rosenherze!
Als Fritz tags drauf den Pfefferkuchenmann
besuchte, ganz früh und alleine,
da fehlten, o Schreck, dem armen Kerl
ein Arm und schon beide Beine!
Und wo einst saß am Pfefferkuchenmann
die mächt'ge Habichtsnase,
da war ein Loch! Und er weinte still
eine bräunliche Sirupblase.
Von nun an nahm der Pfefferkuchenmann
ein reißendes, schreckliches Ende:
Das letzte Stückchen kam schließlich durch Tausch
in Schwester Margretchens Hände.
Die kochte als sorgliche Hausfrau draus
für ihre hungrige Puppe
auf ihrem neuen Spiritusherd
eine kräftige, leckere Suppe
.
Und das geschah dem Pfefferkuchenmann,
den einst so viele bewundert
in seiner Schönheit bei Bäcker Schmidt,
im Jahre neunzehnhundert.
Jean Paul (1763-1825)
Der erste Schnee
Ein, du liebe, liebe Zeit,
ei, wie hat’s geschneit, geschneit!
Ringsherum, wie ich mich drh,
nichts als Schnee und lauter Schnee.
Wald und Wiesen, Hof und Hecken,
alles steckt in weißen Decken!
Und im Garten jeder Baum,
jedes Bäumchen voller Flaum!
Auf dem Sims, dem Blumenbrett
liegt er wie ein Federbett!
Auf den Dächernum und um
nichts als Baumwoll ringsherum!
Und der Schlot im Nachbarhaus,
wie possierlich sieht er aus:
Hat ein weißes Müllerkäppchen,
hat ein weißes Müllerjöppchen!
Meinst du nicht, wenn er so raucht,
das er just sein Pfeiflein schmaucht?
Und im Hof der Pumpenstock
hat gar einen Zottelrock
und die pudrige Perücke
und den Haarschopf im Genicke,
und die ellenlange Nase
geht schier vor bis auf die Straße!
Und gar draußen vor dem Haus! –
Wär nur erst die Schule aus!
Wird ein Schneemann aufgetürmt;
dick und rund und rund und dick
steht er da im Augenblick.
Auf dem Kopf als Hut ‚nen Tiegel
und im Arm den langen Prügel
und die Füße tief im Schnee,
und wir ringsherum, juhe!
Ei, ihr lieben, lieben Leut,
was ist das heut für ein Freud!
Friedrich Güll (1812-1879)
Winter
Die Kälte kann wahrlich brennen
Wie Feuer. Die Menschenkinder
Im Schneegestöber rennen
Und laufen immer geschwinder.
Oh, bittre Winterhärte!
Die Nasen sind erfroren,
Und die Klavierkonzerte
Zerreißen uns die Ohren.
Weit besser ist es im Summer,
Da kann ich im Walde spazieren,
Allein mit meinem Kummer,
Und Liebeslieder skandieren.
Heinrich Heine (1797-1856)
Christkinds Boten
Nun bricht der heil´ge Christtag an;
trüb glüht der Wintermorgen
um Niklas Klause, tief im Tann,
in Busch und Kluft geborgen.
Weit steht der Wald in ros´ger Pracht
gleichwie in Weihnachtskerzen!
Schon glüh´n, in Freude hold erwacht,
viel tausend Kinderherzen!
Schon heben in den Gründen an
die heil´gen Weihnachtsglocken!
Ein Lichtschein wandelt durch den Tann
die Rehlein stehn erschrocken.
Ein wonnesames Singen schallt
daher im Morgenwinde;
das Christkind wandelt durch den Wald
mit seinem Lichtgesinde.
Es sendet seine Boten aus,
durch Dorf und Stadt zu wallen.
Heraus nun, Vater Nikolaus,
mit deinen Schätzen allen!
Schon naht der lieben Engel Schar:
im Frührot und vor Tagen
was du geschafft im ganzen Jahr
in Hütt´ und Schloß zu tragen!
Mach auf! Mach auf! Er läßt sie ein,
die lichten Himmelsknaben.
Fort schweben sie im Frührotschein
mit seinen Wundergaben.
Ob allen Tälern rauscht es sacht,
klingt es im Jubelschalle:
Dies ist der Tag, den Gott gemacht!
Freut euch, ihr Kinder alle!
Julius Lohmeyer (6.10.1835-24.05,1903)
Kriegsweihnacht 1916
Und wenn auch nichts mehr auf Erden wär
Und alles freude- und liebeleer:
Es blieben die Sterne in dunkler Nacht,
Es blieben die Berge in weißer Pracht,
Es blieb' der selige Kindertraum
Vom Gabentisch und vom Tannenbaum,
Es blieb' Weihnachten!
Wollen alle in Demut trachten,
Vor dem schlummernden Jesulein
Stille Kinder der Not zu sein.
Paul Keller (1873 - 1932)
Wißt ihr Engel
Wißt ihr, was es bedeutet,
Wenn von dem Himmelszelt
Ein Stern herniedergleitet
Und schnell zur Erde fällt?
Wenn unten auf der Erde
Ein guter Mensch gedrückt
Von Kummer und Beschwerde
Voll Andacht aufwärts blickt.
Und sich zum Vater wendet
In seinem tiefen Weh,
Dann wird herabgesendet
Ein Engel aus der Höh.
Das ist's, was es bedeutet,
Wenn von dem Himmelszelt
Ein Stern herniedergleitet
Und schnell zur Erde fällt.
Friedrich von Sallet (1812 - 1843)
Des fremden Kindes heiliger Christ.
Es läuft ein fremdes Kind
Am Abend vor Weihnachten
Durch eine Stadt geschwind,
Die Lichter zu betrachten,
Die angezündet sind.
Es steht vor jedem Haus
Und sieht die hellen Räume,
Die drinnen schaun heraus,
Die lampenvollen Bäume;
Weh wird’s ihm überaus.
Das Kindlein weint und spricht:
„Ein jedes Kind hat heute
Ein Bäumchen und ein Licht,
Und hat daran seine Freude,
Nur bloß ich armes nicht!
An der Geschwister Hand,
Als ich daheim gesessen,
Hat es mir auch gebrannt;
Doch hier bin ich vergessen
In diesem fremden Land.
Lässt mich denn Niemand ein
Und gönnt mir auch ein Fleckchen?
In all’ den Häuserreih’n,
Ist denn für mich kein Eckchen,
Und wär’ es noch so klein?
Lässt mich denn niemand ein?
Ich will ja selbst Nichts haben,
Ich will ja nur am Schein
Der fremden Weihnachtsgaben
Mich laben ganz allein!“
Es klopft an Thür und Thor,
An Fenster und an Laden,
Doch Niemand tritt hervor,
Das Kindlein einzuladen;
Sie haben drin’ kein Ohr.
Ein jeder Vater lenkt
Den Sinn auf seine Kinder;
Die Mutter sie beschenkt,
Denkt sonst nichts mehr noch minder.
An's Kindlein niemand denkt.
„O lieber, heil’ger Christ!
Nicht Mutter und nicht Vater
Hab ich, wenn du’s nicht bist.
O, sei du mein Berater,
Weil man mich hier vergisst!“
Das Kindlein reibt die Hand,
Sie ist von Frost erstarret;
Es kriecht in sein Gewand
Und in dem Gässlein harret,
Den Blick hinaus gewandt.
Da kommt mit einem Licht
Durch's Gäßlein hergewallet,
Im weißen Kleide schlicht,
Ein ander Kind; - wie schallet
Es lieblich, da es spricht:
„Ich bin der heil’ge Christ,
War auch ein Kind vordessen,
Wie du ein Kindlein bist.
Ich will dich nicht vergessen,
Wenn alles dich vergisst;
Ich bin mit meinem Wort
Bei Allen gleichermaßen;
Ich biete meinen Hort
So gut hier auf den Straßen,
Wie in den Zimmern dort.
Ich will dir deinen Baum,
Fremd Kind, hier lassen schimmern
Auf diesem offnen Raum,
So schön, dass die in Zimmern
So schön sein sollen kaum.“
Da deutet mit der Hand
Christkindlein auf zum Himmel,
Und droben leuchtend stand
Ein Baum voll Sterngewimmel
Vielästig ausgespannt.
So fern und doch so nah,
Wie funkelten die Kerzen!
Wie ward dem Kindlein da,
Dem fremden, still zu Herzen,
Das seinen Christbaum sah!
Es ward ihm wie im Traum;
Da langten hergebogen
Englein herab vom Baum
Zum Kindlein, das sie zogen
Hinauf zum lichten Raum.
Das fremde Kindlein ist
Zur Heimat nun gekehret,
Bei seinem heil’gen Christ;
Und was hier wird bescheeret,
Es dorten leicht vergisst.
Friedrich Rückert (17881866)

