Denn Augen haben und Betrachten ist nicht dasselbe.

Augustinus Aurelius (354 - 430)

Wie oft spüren wir es selbst, wie blind wir sind, unserer Umgebung gegenüber. Wir laufen durch die Straßen, sind jedoch nur mit unseren Gedanken beschäftigt. Wir sehen nicht das Kind auf der Wiese, das sich gerade eine Blume pflückt und sie zur Nase führt, um ihren Duft zu erkunden. Dieses Lächeln auf dem Gesicht des Kindes könnte ein Sonnenstrahl für unser betrübtes Herz sein. Sehen und doch nicht wahrnehmen, ist traurig. Wir versäumen so viel, wenn wir nicht aufmerksam durch die Welt gehen. Fast täglich, gehen mein Mann und ich, gemeinsam spazieren. Dabei Veränderungen aufmerksam, die wir entdecken. Sei es im Winter ein verschneiter Ast, der unseren Blick anzieht oder im folgenden Frühling das erste Schneeglöckchen, das wir am Wegesrand sehen. Was der eine nicht sieht, sieht der andere. Es macht Freude, mit offenen Augen durch das Leben zu gehen. „Seht ihr den Mond dort stehen…“, singen wir in einem Abendlied von Matthias Claudius. Wenn wir nicht bereit sind unsere Augen zu öffnen und mit dem Herzen zu sehen, werden uns viele Schönheiten verborgen bleiben. Ähnlich ist es mit unserem Glauben. Wir haben erfahren, dass es Gott gibt, sehen können wir ihn nicht, nur mit dem Herzen können wir ihn erfassen. Aus dieser Sicht werden wir den heutigen Spruch besser verstehen. Öffnen wir unsere Augen und unser Herz für Gottes Schönheiten.

Ein Urteil lässt sich widerlegen,

aber niemals ein Vorurteil.

Marie von Ebner-Eschenbach

 

Hat nicht ein jeder von uns mit diesem Spruch schon einmal seine Erfahrung gemacht im Leben? Ganz gleich, ob es um uns persönlich geht oder um einen guten Bekannten.

Gerhard war nach seiner Scheidung in eine andere Stadt gezogen, um all seine Erlebnisse, die ihn mehr oder weniger belasteten, hinter sich zu lassen. Wenn ich neu anfangen muss, dann gleich richtig, sagte er sich. So hatte er sich auch eine neue Arbeit gesucht. Als er einige Tage in seinem neuen Betrieb tätig war, spürte er, dass sofort das Gespräch verstummte, wenn er auftauchte. Seine Kollegen, die soeben noch munter miteinander geredet hatten, zerstreuten sich in alle Richtungen. Jeder hatte plötzlich eine wichtige Aufgabe, die schnell erledigt werden müsste. Ein paar Tage sah sich Gerhard das mit an, dann sprach er nach Feierabend einen Kollegen an und fragte ihn ganz konkret: „Sag mal, was habt ihr eigentlich gegen mich? Kaum tauche ich auf, verschwindet ihr von der Bildfläche?“ Roland fühlte sich so gar nicht wohl in seiner Haut, als er angesprochen wurde. „Eigentlich haben wir gar nichts gegen dich“, gab er zur Antwort. „Das kommt mir aber gar nicht so vor!“, forschte Gerhard weiter. „Na ja“, meinte Roland, „warum hast du alle Zelte hinter dir abgebrochen, das wundert einen schon“, setzte jetzt Roland nach. „Ich bin geschieden und möchte neu anfangen“, gab Gerhard zur Antwort. Am nächsten Tag hatte sich die Tuschelei gelegt und man sprach offen mit dem Neuen. Von nun an gehörte er mit dazu.

Es ist nicht immer einfach, auf Fremde zuzugehen und sie direkt anzusprechen, wenn man der Meinung ist, sie hätten etwas gegen uns. Jesus fordert uns zu klaren Worten heraus. Auf eine klare Frage bekommen wir meist eine klare Antwort.

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