Sommer
Rose weiß, Rose rot,
wie süß ist doch dein Mund,
Rose rot, Rose weiß,
dein denk ich alle Stund,
alle Stund bei Tag und Nacht,
daß dein Mund mir zugelacht,
dein roter Mund.
Ein Vogel sang im Lindenbaum,
ein süßes Lied er sang,
Rose weiß, Rose rot,
das Herz im Leib mir sprang,
sprang vor Freude hin und her,
als ob dein Lachen bei ihm wär,
so süß es klang. Rose weiß,
Rose rot, Rose rot,
was wird aus mir und dir?
Ich glaube gar, es fiel ein Schnee,
dein Herz ist nicht bei mir,
nicht bei mir, geht andern Gang,
falsches Lied der Vogel sang
von mir und dir.
Hermann Löns 1866-1914
Frühling
Himmelfahrt
Wie prangt im Frühlingskleide
Die grüne, bunte Welt!
Und hat in Welt und Heide
Musik und Lust bestellt:
Wie klingt und spielt der Scherz
In Büschen rings und Bäumen
Von Edens Blumenträumen
Den Klang in jedes Herz!
Hinaus denn, meine Seele!
In voller Lust hinaus! Verkünde,
ruf, erzähle Und kling
und sing es aus!
Du bist von Lerchenart,
Nach oben will dein Leben:
Lass fliegen, klingen und schweben
Die süße Himmelfahrt.
Auf! Lüfte deine Schwingen
Zum frohen Heimatort! Dein Trachten,
Sehnen, Ringen, Dein Weg,
dein Lauf ist dort – O flieg aus diesem Glanz
Der bunten Erdenlenze
Ins Land der ew’gen Kränze!
Dort ist dein Ziel, dein Kranz.
Ernst Moritz Arndt (1769-1860)
Frühling
Was rauschet, was rieselt, was rinnet so schnell?
Was blitzt in der Sonne? Was schimmert so hell?
Und als ich so fragte, da murmelt der Bach:
"Der Frühling, der Frühling, der Frühling ist wach!"
Was knospet, was keimet, was duftet so lind?
Was grünet so fröhlich? Was flüstert im Wind?
Und als ich so fragte, da rauscht es im Hain:
"Der Frühling, der Frühling, der Frühling zieht ein!"
Was klingelt, was klaget, was flötet so klar?
Was jauchzet, was jubelt so wunderbar?
Und als ich so fragte, die Nachtigall schlug:
"Der Frühling, der Frühling!" - da wußt' ich genug!
- Heinrich Seidel-
Frühling
Nun ist er endlich kommen doch
in grünem Knospenschuh.
„Er kam, er kam ja immer noch!“
Die Bäume nicken sich´s zu.
Sie konnten ihn all erwarten kaum.
Nun treiben die Schuß auf Schuß,
im Garten der alte Apfelbaum,
er sträubt sich, aber er muß.
O schüttle ab den schweren Traum
und die lange Wintersruh:
Es wagt´s der alte Apfelbaum,
Herze, wag´s auch du!
© Theodor Fontane
Was rauscht und braust...
Was rauscht und braust so vor der Tür?
Was singt so süße Melodein?
Herein, wer draußen ist! Herein!
„Ich bin´s ! der Frühling ist dafür!
Ich warte nur auf Sonnenschein,
da komm ich gleich zu Dir herein!“
Und sieh, die Sonne tauch empor,
und wie sie freundlich scheint und lacht,
da schmilzt das letzte Eis der Nacht.
Nun hastig auf mit Tür und Tor!
„Herein, in meine Arme schnell.
Willkommen, du blühender Gesell.“
Da muß die Lerch´ in hellem Schein
den ersten Gruß entbieten.
Da stürmt der Frühling hinterdrein
Mit hunderttausend Blüten.
© Theodor Storm
Die blauen Frühlingsaugen
Die blauen Früglingsaugen
schaun aus dem Gras hervor;
das sind die lieben Veilchen,
die ich zum Strauß erkor.
Ich pflücke sie und denke,
und die Gedanken all,
die ir im Herzen seufzen,
singt laut die Nachtigall.
Ja, was ich denke, singt sie
Lautschmetternd, daß es schallt;
Mein zärtliches Geheimnis
weiß schon der ganze Wald.
© Heinrich Heine
Mai
Nun aber hebt zu singen an
Der Mai mit seinen Winden.
Wohl dem, der suchen gehen kann
Und bunte Blumen finden!
Die Schönheit steigt millionenfach
Empor aus schwarzer Erden;
Manch eingekümmert Weh und Ach
Mag nun vergessen werden.
Denn dazu ist der Mai gemacht,
Daß er uns lachen lehre.
Die Herzen hoch! Und fortgelacht
Des Grames Miserere!
Otto Julius Bierbaum (1865 - 1910)
Frühling
Pfingsten
Zwischen Tulpenflammen und Narzissen
Springen unter schweren Fliederbüschen
Kleine Mädchen losen Haars
im Garten. Lerne, Herz!
Die kleinen Mädchen wissen Mehr vom Glück,
als du; mit ihrem Springen
Loben sie den heiligen Geist der Pfingsten
Zwischen Tulpenflammen und Narzissen.
Denn der heilige Geist ist ausgegossen
In den glutenbunten Tulpenflammen,
Und er heißt: Seid fröhlich, Menschenkinder!
Jede Blume, glorienumflossen, Ist, dem Haupt
Mariens gleich, ein Abbild Milder,
tiefer, süßer Gottesliebe ...
Denn der heilige Geist ist ausgegossen.
Otto Julius Bierbaum (1865 - 1910)
Frühlingsabend
Wenn die Sonne untergeht,
wird es still im Garten.
Wind, der übertag geweht,
Denkt: Jetzt will ich schlafen.
Vogel, der zu Neste ging.
Duckt das Köpfchen nieder.
Fliegt ein dunkler Schmetterling
heimlich um den Flieder.
Gehen die Kinder all zur Ruh,
wilden wie die braven,
guckt der Mond vom Himmel zu,
Spricht: Nun sollt ihr schlafen.
Singt wohl eine Nachtigall
in die Blütenbäume –
weht ein süßer Widerhall
durch die Kinderträume.
© Victor Blüthgen
Es hat die warme Frühlingsnacht
Es hat die warme Frühlingsnacht
die Blumen hervorgetrieben,
und nimmt mein Herz sich nicht in acht,
so wird es sich wieder verlieben.
Doch welche von den Blumen alln
wird mir das Herz umgarnen?
Es wollen die singenden Nachtigalln
mich vor der Lilie warnen.
© Heinrich Heine
Frühlingsball der Tiere
Es war die erste Maiennacht.
Kein Mensch im Dorf hat mehr gewacht.
Da hielten, wie es stets der Fall,
Die Tiere ihren Frühlingsball.
Die Gans, die gute Adelheid,
Fehlt nie bei solcher Festlichkeit.
Obgleich man sie nach altem Brauch
Zu necken pflegt. So heute auch.
»Frau Schnabel«, nannte sie der Kater.
»Frau Plattfuß!« rief der Ziegenvater.
Doch sie, zwar lächelnd, aber kühl,
Hüllt sich in sanftes Selbstgefühl.
So saß sie denn in ödem Schweigen
Allein für sich bei Spiel und Reigen,
Bei Freudenlärm und Jubeljux.
Sieh da, zum Schluß hat auch der Fuchs
Sich ungeladen eingedrängelt.
Schlau hat er sich herangeschlängelt.
»Ihr Diener«, säuselt er galant,
»Wie geht's der Schönsten in Brabant?
Ich küss' der gnäd'gen Frau den Fittich.
Ist noch ein Tänzchen frei, so bitt' ich.«
Sie nickt verschämt: »O Herr Baron!«
Indem so walzen sie auch schon.
Wie trippeln die Füße, wie wippeln die Schwänze
Im lustigen Kehraus, dem letzten der Tänze.
Da tönt es vier mit lautem Schlag.
Das Fest ist aus. Es naht der Tag.
Bald drauf, im frühsten Morgenschimmer,
Ging Mutter Urschel aus, wie immer,
Mit Korb und Sichel, um verstohlen
Sich etwas fremden Klee zu holen.
An einer Hecke bleibt sie stehn.
»Herrje, was ist denn hier geschehn?
Die Füchse, sag' ich, soll man rädern.
Das sind wahrhaftig Gänsefedern.
Ein frisches Ei liegt dicht daneben.
Ich bin so frei, es aufzuheben.
Ach, armes Tier«, sprach sie bewegt,
»Dies Ei hast du vor Angst gelegt.«
(Wilhelm Busch)
Bin heut im erstarrten Garten gewesen,
Wo ich in Deinem Auge einst Lieder gelesen;
Wo die Biene den Tropfen Seligkeit sog,
Und wie ein Stückchen Himmel der Schmetterling flog.
Wo der Mond aufstieg wie der Liebe Lob,
Wie ein Herz das sich von der Erde hob,
Und wo jetzt die Wurzeln der Blumen verwesen,
Hab ich in toten Blättern noch Lieder gelesen.
Max Dauthendey (1867 - 1918)

