Die Blume des Vertrauens

 

Nichts wirkt auf das menschliche Gemüt so lieblich wie eine Blume. Sei es nun, daß sie uns durch die Schönheit ihrer Blüte beeindruckt oder durch ihren Duft. Blumen wecken Erinnerungen, sie können trösten und auch einfach nur das Herz erfreuen. Nur leider ist eine jede von ihnen nur für eine ganz bestimmte Jahreszeit vorgesehen. Doch es gibt auch eine Blume, die nicht von der Jahreszeit abhängig ist, dafür jedoch von unserem menschlichen Herzen. Es ist die Blume des Vertrauens. Diese Blume blüht in steilem Gebirge, zwischen Geröll und Gestein. Sie läßt sich nur schwer finden. Nur wer reinen Herzens sich ganz dem anderen hingibt, hat die Chance sie eines Tages zu Gesicht zu bekommen.

Elvira folgte dem Rat ihrer Eltern. Sie erlernte einen Beruf in dem sie ganz aufging, sah die Sorgen ihrer Kollegen und Nachbarn. Doch ob es in ihren jungen Jahren war oder später im Laufe des Lebens, immer wieder mußte sie erkennen, daß die Welt mit Enttäuschungen gespickt war. So manches Mal saß sie grübelnd in ihrem Zimmer und fragte sich, was sie wohl falsch gemacht hatte. Dann hörte sie wieder die Worte ihrer Eltern: „Vertrauen zahlt sich aus.“ Ach, dachte sie dann, das war vielleicht früher einmal so, aber heute? Immer mehr zog sie sich von den Menschen zurück. Langsam nur fand sie ihren inneren Frieden wieder.  Mit der Zeit gewöhnte sie sich an die Einsamkeit und fand es ganz normal sich nur um sich selbst zu kümmern.

Eines Tages ging sie wieder einmal im Wald spazieren. Sie freute sich an der sie umgebenden Natur. Was konnte es schöneres geben, als mit sich und der Natur eins zu sein. Sie setzte sich ins Moos und beobachtete einen kleinen Käfer, der an einem Grashalm empor krabbelte. Da hörte sie in ihre Gedanken hinein einen Vogel singen. So lieblich und schön hatte sie nie einen Vogel singen gehört. Die junge Frau erhob sich und folgte dem Gesang, um diesen Vogel aus der Nähe betrachten zu können. Immer wieder hatte sie den Eindruck, als ob sich der Vogel von ihr entfernen würde. Elvira ließ sich jedoch nicht entmutigen und stieg weiter den Berg empor. „Welch ein Ausblick!“, stellte sie für sich fest, als sie eine freie Aussichtsplattform erreichte. Voll Freude ließ sie ihren Blick schweifen. „Wer du auch bist kleiner Sänger, du hast mich zu einem wunderbaren Fleckchen Erde geführt“, dachte sie gerade bei sich, als sich ein Vogel, so schön, wie sie ihn noch nie gesehen hatte, am Rande der Lichtung niederließ. In seinem Schnabel hielt er eine Blume. Elvira stand ganz still, um ihren gefiederten Gast nicht zu erschrecken. Als ein Weilchen vergangen war, legte der Vogel die Blume ins Gras und flog davon. Aus der Ferne ließ er noch ein letztes Mal sein Lied erklingen.

Die  junge  Frau  ging  zu  der Blume,  um  sie aufzuheben und mitzunehmen. In dem Moment als sie diese berührte ging eine Verwandlung in ihr vor. In ihrem Herzen ging die Sonne auf. Plötzlich waren alle Schatten, die auf ihrem Herzen lagen verschwunden. Mit fröhlichen Herzen stieg sie bergab, in ihrer Hand die Blume. Sie stellte sie in eine Vase und pflegte sie, so gut sie konnte. Seit diesem Tage ging sie wieder fröhlich durch den Tag, öffnete sich ihrer Umgebung und mußte feststellen, daß ihre Eltern doch richtig lagen mit ihren Worten und daß Vertrauen auch heute noch die Welt erhält und sie etwas schöner macht.(c) Christina Telker