Trinchen im Zauberland
Der lange, sonnige Sommer hatte sich längst verabschiedet. Bunt und golden schimmerten jetzt die Blätter, der vom Herbst gefärbten Bäume, im Sonnenlicht. Heute jedoch war ein trüber Tag an dem man möglichst nicht ins Freie ging. So spielte Trinchen mit ihren Puppen. Den Sommer über saßen sie etwas verlassen im Zimmer umher. Die kleine war lange bei ihren Großeltern gewesen und hatte dort den Sommer verbracht, wie in jedem Jahr. Die Großeltern hatten ein Haus, das dicht am See und gleichzeitig Mitten im Wald stand. Was gab es da für Spielmöglichkeiten! Vom frühen Morgen bis zum späten Abend hielt sich Trinchen in der Natur auf. Sie unterhielt sich mit Käfern und Tieren, pflückte Blaubeeren und Himbeeren, die ihr direkt in den Mund wuchsen.
Nun war sie wieder daheim und es wurde Zeit, eine Waschtag für ihre geliebten Puppenkinder einzuplanen und diese frisch einzukleiden. Daran hatte das Mädchen besonders viel Freude. Die Schüssel mit warmem Wasser stand bereit, welche die Badewanne ersetzen sollte. Nun legte sie für jedes ihrer Puppenkinder saubere Kleidung bereit. ‚Ob Peterle die Hose passen würde’, überlegte Trinchen. Recht wüst sah es jetzt im Kinderzimmer aus. Die stolze Puppenmutti hatte alle Kleidungsstücke ihrer Kinder hervorgeholt. ‚Doch was war das’, verwundert schaute das Mädchen das rote Mützchen an, dass ihr gerade in die Hände fiel. ‚Die habe ich ja noch nie gesehen’, überlegte sie, ‚wem gehört sie nur?’ Erst einmal wurde die Mütze zur Seite gelegt. Als die Puppen sauber und frisch eingekleidet vor ihr saßen, fiel Trinchen die Mütze wieder ein. ‚Wie würde sie wohl Berni kleiden’, überlegte sie. Aus Spaß setzte das Mädchen sich selbst die Mütze auf den Kopf und drehte sich kokett vor dem Spiegel. Ihr fröhliches Lachen schallte durch das Kinderzimmer. Jedoch nur kurz. Kaum das sich Trinchen gedreht hatte, war mit ihr eine Veränderung vor sich gegangen. Sie fand sich nur schwer zurrecht in der neuen Welt. ‚War das noch ihr Kinderzimmer?’ Berni war jetzt ebenso groß wie sie selbst und lächelte ihr freundlich entgegen.
Plötzlich verstand Trinchen die Unterhaltung ihrer Puppenkinder. „Ich dachte schon, Trinchen hat uns ganz vergessen. Meine Haare waren schon verklebt vom Staub der letzten Monate. Endlich fühle ich mich wieder wohl“, beschwerte sich Rosi bei ihrer Freundin Greta. „Sie meint es nicht böse, hat uns einfach über dem Spiel im Freien vergessen“, beruhigte diese ihre Freundin. „Sie macht sich nichts mehr aus uns. Sieh, sie ist schon wieder weg, dabei kann sie heute bestimmt nicht draußen spielen. Bald werden wir in irgendeiner Ecke liegen“, regte sich Rosi weiter auf. Beschämt stand Trinchen im Zimmer und hörte die Klagen ihrer Puppenkinder an. Wie recht hatten sie doch. Das Mädchen nahm sich vor, in Zukunft besser für ihre Kinder da zu sein und sie auch ab und zu mit in den Urlaub zu nehmen. Da kam auch schon Berni auf sie zu und flüsterte: „Sie merken nicht, dass du uns verstehen kannst.“ Trinchen legte den Finger auf den Mund und bedeutete ihm zu schweigen. Ein Weilchen wollte sie noch das Gespräch der Puppen belauschen. Dann drehte sie sich einmal herum und schon stand sie wieder in voller Größe in ihrem Zimmer. Behutsam legte sie die Mütze wieder in den Schrank. ‚Die Freude gönne ich mir öfter’, dachte sie. ‚Außerdem weiß ich dann ganz genau was meine Puppenkinder wünschen.’ Liebevoll strich sie über die Zaubermütze.
Als Trinchen wenige Tage später erneut ins Land der Puppen eintauchen wollte war die zauberhafte Kopfbedeckung verschwunden. Nie vergaß das Mädchen jedoch die Worte ihrer Puppenkinder und versorgte sie von nun an noch liebevoller als zuvor. Christina Telker
Goldpünktchen
‚Welch ein herrlicher Sommertag‘, dachte Flippi, der kleine Marienkäfer, der sich gerade auf einer Blume niederließ. Der kleine Käfer liebte es von Blüte zu Blüte zu fliegen und die Neuigkeiten auf seiner Wiese zu erkunden. Er bewunderte die bunten Schmetterlinge, ein wenig beneidete er sie auch um ihre Farbenpracht. ‚Wie gut würden mir bunte Pünktchen auf meinem schwarzen Rock stehen‘, wünschte er sich. Manchen Tag wurde Flippi recht traurig, weil sein Wunsch unerfüllbar blieb. Vor ein paar Tagen sah er Vicky im Garten sitzen. Sie malte ein Bild. Hierfür hatte sie einen Farnkasten vor sich stehen. Flippi wagte sich bis auf den Rand des Tisches, von den Farben angezogen, ließ er sich dort nieder. Dann verließ ihn der Mut, ein wenig Farbe zu erbitten, so flog er betrübt wieder fort.
Heute wollte er nur die Sonne und das Rauschen des Windes genießen. So ließ er sich durch den Tag treiben. Kurz vor Sonnenuntergang setzte sich, nicht weit von ihm entfernt, ein Pfauenauge auf einen Grashalm. ‚Wie wunderschön sieht es aus‘, staunte Flippi und konnte vor Kummer nicht einschlafen. „Wer ist denn da noch wach?“ Vater Mond entdeckte bei einem Blick auf die Wiese, den kleinen Käfer und erkundigte sich nach seinem Wohlbefinden. „Ich kann nicht schlafen, weil ich traurig bin“, antwortete Flippi betrübt. „Du bist traurig? Wie kann denn ein so hübsches Käferchen traurig sein?“, erforschte der Mond. „Weil ich hässlich bin! Immer nur rot und schwarz! Was sind denn das für langweilige Farben?! Wenn ich da die Schmetterlinge sehe mit ihrem farbigen Kleid, fühle ich mich klein und unscheinbar“, antwortete kleine Käfer, den Tränen nahe. „Ich verspreche dir, ich lasse mir etwas einfallen. Morgen Abend treffen wir uns wieder“, versprach Vater Mond und setzte seine abendliche Reise fort. Flippi wusste, dass er dem alten Mond trauen konnte und schlief beruhigt ein.
Freudig flog er am nächsten Tag über seine Wiese. Voll Spannung wartete er auf den Abend. ‚Bald werde auch ich so schön sein wie die Schmetterlinge‘, dachte er immer wieder. „Na mein kleiner, bist du immer noch der Meinung, dass du nicht schön genug bist?“, fragte der Mond am Abend, als er Flippi auf einem Rosenblatt sitzen sah. „Bald nicht mehr, du Vater Mond, hast bisher jedem von uns geholfen“, antwortete Flippi erwartungsfroh. Nun fühlte sich der Mond geschmeichelt und sagte: “Eine Möglichkeit gäbe es, dir zu helfen. Ich könnte mit meinen Strahlen einige deiner schwarzen Punkte vergolden. Wärst du damit einverstanden?“ „Goldene Punkte?!“ Flippi jubelte vor Freude. „Ich kenne keinen Käfer mit goldenen Punkten.“ Flippi konnte sein Glück noch gar nicht fassen. „Dann wünsche ich dir süße Träume. Wenn du morgen früh erwachst, suche dein Spiegelbild.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich der alte Mond und zog weiter seine Bahn. Zufrieden schloss der Käfer seine Augen und fiel in einen festen Schlaf.
Als er am Morgen erwachte, war die Sonne bereits aufgegangen. ‚Such dir dein Spiegelbild‘, fielen dem kleinen Käfer wieder die Worte des Mondes ein. Suchend flog er umher, bis er auf einer Mohnblume einen Tautropfen sah. Vorsichtig landete der kleine Käfer auf der Blume. Er drehte sich nach allen Seiten und konnte sich nicht satt sehen an seinen goldenen Punkten. ‚Jetzt gefalle ich mir‘, dachte das eitle Käferlein, ‚mein rotes Röckchen mit den schwarzen und goldenen Punkten sieht wirklich schön aus‘. „Seht nur, seht mein neues Kleid“, rief Flippi als er über die Wiese flog. Manche schmunzelten über den Käfer, andere bewunderten ihn. Aber der kleine Käfer war glücklich, endlich hatte er Freude an seinem Kleid. Christina Telker
