Was mach ich nur
Immer wieder traf sich die Engelschar bei Petrus, um die neuesten Aufträge für ihre Aufgaben auf der Erde zu bekommen. An diesem Abend hatte Petrus eine ganz besondere Botschaft für seine geflügelten Helfer. „In wenigen Tagen wird Gott seinen Sohn zur Erde senden“, erkläre er den Engeln. Alle schauten sich erstaunt an. Das war doch ihre Aufgabe, den Menschen beizustehen. Gottes Sohn, auf der Erde? Seit wann steigt ein Herr zu dem Volk hinunter? Petrus sah die erstaunten Gesichter der Engelschar, darum erklärte er. Jesus wird als Kind von Maria und Josef in Bethlehem geboren werden. Er hat einen schweren Weg vor sich, denn er soll mit den Menschen leben, um sie noch besser zu verstehen. „Oh, oh“, meinte Uriel, „ob das wohl gut geht? Die Menschen sind skeptisch allem Fremden gegenüber. Sie werden Gott Sohn bestimmt nicht mit der gebührenden Achtung empfangen. Ich habe da so meine Erfahrungen.“ „Das denke ich aus“, mischte sich ein anderer Engel ins Gespräch. „Wir wollen jetzt nicht eure Erfahrungen hören, so gut sie auch sein mögen. Wenn Gott etwas beschlossen hat, dann weiß er, was er tut! Eure Aufgabe ist es, dem Kinde beizustehen und es zu beschützen.“ Sofort waren alle Engel zu dieser Aufgabe bereit. Sie erkundigten sich noch einmal genau nach Ort und Zeit. „Ich werde ihm ein Quartier suchen, wo er eine weiche Wiege vorfindet“, bot sich Raphael an. „Das wird wohl nichts werden“, gab Petrus zu bedenken. „Gott hat einen Stall für seinen Sohn vorgesehen. Er soll bei den einfachen Menschen aufwachsen, um ihnen nahe zu sein.“ „Na ja, wenn er weiß, was er tut, haben wir ja nichts mehr zu sagen.“ Traurig senkte Uriel den Kopf, sich in sein Schicksal zu ergeben. Ihren Herrn dem einfachen Volk auszusetzen, wollte den Engeln so gar nicht gefallen und doch ließen sie sich jetzt ihre Aufgaben zuteilen. Ein kleiner Engel, der den Auftrag erhalten hatte, die Heilige Familie auf ihrem Weg nach Bethlehem zu begleiten, machte sich sofort auf den Weg. Da er noch ein wenig Zeit hatte, sah er sich auf der Erde etwas genauer um. Zuerst entdeckte er seinen kleinen Hund, der einsam in den Ecken der Häuser nach Futter suchte. Er griff ihn sich und setze ihn bei einer alten Frau vor die Hütte. Dann blieb er so lange dort bis die Frau die Haustür öffnete, um zu sehen, was da draußen wohl so jammerte. Als sie den kleinen Hund sah, rief sie erfreut: „Was machst du denn hier, du Kleiner. Komm rein, ich bin genauso alleine wie du.“ Das ließ sich der Hund nicht zweimal sagen. Der kleine Engel wollte nun seiner Aufgabe nachkommen und suchte Maria und Josef. Doch zuvor sah er noch einmal an sich herunter und entdeckte, dass er sich sein Kleid zerrissen hatte. „Oh, weh, was mache ich nur“, dachte der Kleine, aber es war keine Zeit mehr, das Kleid zu flicken. Auf dem Wege zu dem jungen Paar sah er einen Widder, der im Gestrüpp einer Dornenhecke hängengeblieben war. Er ging hin und befreite den Widder. Der musste zwar ein wenig Fell lassen, war aber sonst noch gut dabei weggekommen. Wieder sah der kleine Engel an sich herunter und stellte fest, dass er nun nicht nur einen Riss im Kleid hatte, sondern auch sein einer Flügel recht demoliert war. „Oh, oh, wie soll ich nun wieder in den Himmel fliegen“, überlegte er. Schon bald hatte er nun auch das junge Paar gefunden, welches er auf dem Weg nach Bethlehem begleiten sollte. Sachte schwebte er neben den beide, um sie zu beschützen, wo es nötig wäre. „Siehst du das auch?“, frage Maria ihren Mann. „Ich sehe ab und zu einen kleinen Schmutzfinken. Er bewegt sich wie ein Engel und geht immer an meiner Seite.“ „Maria, du weißt doch, dass es viele heimatlose Kinder gibt. Der Kleine wird alleine Furcht haben und hält sich an uns. Sobald wir Bethlehem erreicht haben, wird er sich von uns lösen und seiner Wege gehen.“ Beruhigt glaubte Maria, ihr Mann würde wohl recht haben. „Oh, man, oh, man,“ dachte der kleine Engel. „Nun kann ich mich nicht einmal mehr unsichtbar machen, weil ich so zerzaust bin. Oh, was bin ich bloß für ein ungeschickter Engel.“ Traurig folgte er den beiden Menschen, die ihren Weg nach Bethlehem fortsetzten. Nach wenigen Tagen erreichten sie den Stall in Bethlehem, von dem Petrus gesprochen hatte. Josef versorgte den Esel und kümmerte sich liebevoll um Maria. Schon bald wurde der kleine Jesus geboren. Jetzt kamen auch die anderen Engel aus allen Richtungen geflogen, um sich das Kind anzusehen, das Gottes Sohn sein Sollte. „Ach wie schön war es doch im Himmel“, dachte der kleine Engel bei sich. Traurig saß er auf dem Dachfirst, als er von Uriel entdeckt wurde. „Wie siehst du denn aus War denn dein Auftrag so gefährlich? Warst du in Kämpfe verwickelt?“ „Ach, das ist eine lange Geschichte“, gab der Kleine leise zur Antwort. „Wenn ich nur wüsste, wie ich wieder in den Himmel komme.“ „Da mach dir mal keine Sorgen“, antwortete ihm Uriel. Wenn wir bei den Hirten waren, um ihnen die Botschaft zu verkündigen, komme ich vorbei und hole dich ab. Du setzt dich einfach auf meine Flügel.“ Am späten Abend wurde der kleine Engel abgeholt und es ging Richtung Himmel. „Setz mich doch bitte an der ersten Wolke ab“, bat er. „Ich möchte erst ein Bad in Wolkenschaum nehmen, bevor ich vor Petrus trete.“ Als der kleine Engel etwas später, frisch gebadet vor Petrus erschient, sagte dieser: „Du weißt, dass du einiges falsch gemacht hast, aber dafür, dass du auch nach rechts und links schautest und den Tieren halfst, die Hilfe brauchten, dafür bekommst du heute ein Paar neue Flügel von mir. Die alten sind gar arg demoliert.“ Lächelnd streifte Petrus dem kleinen Engel die neuen Flügel über. Glücklich und zufrieden ging der Kleine zu den anderen, um das Christfest zu feiern. Ab und zu warf er einen Blick zur Erde, um alles gut im Griff zu haben und notfalls Hilfe zu leisten. © Christina Telker