Vorfrühling

 

Das ist der Frühling nicht allein,

Der durch die Bäume dränget

Und wie im Faß der junge Wein

 Die Reifen fast zersprenget,

 

 Der Frühling ist ja zart und kühl,

 Ein mädchenhaftes Säumen,

Jetzt aber wogt es reif und schwül

Wie Julinächte träumen.

 

Es blinkt der See, es rauscht die Bucht,

 Der Mond zieht laue Kreise,

Der Hauch der Nachtluft füllt die Frucht,

 Das Gras erschauert leise.

 

Das ist der Frühling nicht allein,

Der weckt nicht solche Bilder.

Hugo von Hofmannsthal (1874 - 1929)

Februar

 

Schon leuchtet die Sonne wieder am Himmel

 und schmilzt die Schneelast von den Dächern

 und taut das Eis auf an den Fenstern

 und lacht ins Zimmer: wie geht's? wie steht's?

 

 Und wenn es auch noch lang nicht Frühling,

so laut es überall tropft und rinnt ...

du sinnst hinaus über deine Dächer ...

 du sagst, es sei ein schreckliches Wetter,

man werde ganz krank! und bist im stillen

 glückselig drüber wie ein Kind.

Cäsar Flaischlen (1864 - 1920)

Neujahr

 

 Altes Jahr, du ruhst in Frieden,

 Deine Augen sind geschlossen;

 Bist von uns so still geschieden

 Hin zu himmlischen Genossen,

Und die neuen Jahre kommen,

Werden auch wie du vergehen,

 Bis wir alle aufgenommen

Uns im letzten wiedersehen.

 Wenn dies letzte angefangen,

Deutet sich dies Neujahrgrüßen,

 Denn erkannt ist dies Verlangen,

Nach dem Wiedersehn und Küssen.

 Achim von Arnim (1781 - 1831)

15.1.2024

 

Winternacht

 

Verschneit liegt rings die ganze Welt,

Ich hab nichts, was mich freuet,

Verlassen steht der Baum im Feld,

 Hat längst sein Laub verstreuet.

 

 Der Wind nur geht bei stiller Nacht

Und rüttelt an dem Baume,

Da rührt er seine Wipfel sacht

Und redet wie im Traume.

 

Er träumt von künft'ger Frühlingszeit,

Von Grün und Quellenrauschen,

Wo er im neuen Blütenkleid

 Zu Gottes Lob wird rauschen.

Joseph von Eichendorff (1788 - 1857)

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