Wissen wir heute überhaupt noch, was Verzicht ist? Übervolle Supermarktregale lachen uns an. Meist vergessen wir in unserem Überfluss die Menschen am Straßenrand, die Menschen, die auch heute noch von Krieg und Verfolgung bedroht sind. Es gibt sie immer und zu allen Zeiten. Wir regten uns im April 2020 darüber auf, dass es keine Hefe gab. Wir sprachen von Verzicht, wenn wir mal ein paar Wochen nicht zum Friseur gehen konnten und einige Läden geschlossen hatten, dabei stand uns die ganze Welt des Einkaufs online Tag und Nacht zur Verfügung. Wissen wir überhaupt noch, was Verzicht wirklich ist? Ich denke eher nicht. Begeben wir uns ins Jahr 1945.

Gehen wir zurück in die Jahre nach dem 2. Weltkrieg. Tausende Flüchtlinge sind unterwegs, der Winter naht, sie haben weder Nahrung noch Unterkunft. Sie ziehen wie eins Maria und Josef von Ort zu Ort und von Tür zu Tür, in der Hoffnung, dass ein Einziger, Erbarmen mit ihnen haben möchte. Auch Hanna ist mit ihrer kleinen Tochter unterwegs. Sie weiß nicht wie lange sie es noch durchhalten kann, so entkräftet ist sie. Eine alte Frau sitzt am Fenster ihrer kleinen Lehmhütte. Vor einigen Wochen bekam sie die Nachricht von der Front, dass ihr Mann gefallen sei. Heute hält sie ebensolchen Brief in der Hand, der ihr die Nachricht vom Tode ihres einzigen Sohnes kundtut. „Was soll nur aus mir werden?“, fragt sie sich. Der Mut und die Hoffnung haben sie endgültig verlassen. Da sieht sie von ihrem Platz am Fenster, diese einsame Frau mit dem Kind. Sie kennt diese suchenden Gestalten. Bisher wartete sie auf ihren Sohn, seit heute weiß sie, sie kann Quartier geben. Sie öffnet das Fenster und ruft die Frau zu sich heran und bittet sie hereinzukommen. Verwundert nimmt die junge Frau an und tritt ein. Die Hütte ist so klein, dass die junge Mutter den Kopf einziehen muss und doch ist es ein Obdach.  Die beiden Frauen haben sich viel zu berichten, während das Kind auf der Ofenbank schläft. Nach dem Gespräch wissen beide, sie werden es gemeinsam versuchen.

Verzicht? Ja und nein. Beide Frauen haben etwas geschenkt bekommen. Die eine ist nicht mehr einsam und die andere hat ein Dach über dem Kopf. Und doch auch Verzicht. Die alte Frau gibt einer Fremden Obdach für viele Jahre. Da heißt es zusammenrücken, sich selbst zurücknehmen, um ein friedliches Miteinander möglich zu machen. Verzicht auf persönliche Freiheit. Auf den anderen eingehen, miteinander das wenige, was da ist, teilen. Mit Gottes Segen machen beide es möglich. Ein Engel wacht über diesem Haus und teilt Gottes Liebe aus, die alles möglich macht. © Christina Telker

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